Wer die Toten stört von A. Rae Dunlap [Historischer Roman]

“Es ging nur um Gedanken und Hypothesen, nicht um Schlussfolgerungen und Taten. Nur Spiel und keine Arbeit, nur Hirn und keine Hände. Hier strebe ich danach, beides zu benutzen.” S.24
Inhaltsangabe
Schottland, 1828. Der naive, aber unbeirrbare James Willoughby gibt sein behütetes Leben in Oxford auf, um in Edinburgh Medizin zu studieren. Die Universität der Stadt bietet alles – außer der Möglichkeit, an einem menschlichen Leichnam zu arbeiten und somit chirurgisches Wissen zu erlangen. Nye MacKinnon, ein schneidiger junger Sezierer, verspricht James zu helfen. Doch Nye ist ein Grabräuber, ein Leichenfledderer. Und James ist unwissentlich sein Komplize geworden. Schon bald geraten die beiden zwei besonders zwielichtigen Grabräubern namens Burke und Hare in die Quere, deren Nachschubbedarf an Toten so hoch ist, dass sie dafür bereit sind, über Leichen zu gehen …
Eigene Meinung
Ein Historischer Roman. Hier. Bei mir. Glaubt mir: Ich wäre in etwa genauso irritiert. Aber verdammt, dieses Cover und der wirklich dunkle Humor haben mich bei der Leseprobe begeistert. Also durfte es einziehen und ich erzähle euch, warum dieses Buch trotz historischem Background so gut für mich funktioniert hat …
In Wer die Toten stört lese ich ausschließlich aus der Perspektive des Hauptcharakters James Willoughby. Er hat Klasse, ist wohlerzogen und in gutem Hause aufgewachsen. Außerdem scheint er ein chirurgisches Naturtalent zu sein. Leider liegt genau dort das Problem: Es gibt zu wenige Leichname, an denen er seine Fähigkeiten erlernen kann, und so ist James über kurz oder lang dazu angehalten, sich seine aristokratischen Hände schmutzig zu machen. Unterstützend an seiner Seite: Nye MacKinnon. Und was habe ich diesen Charakter geliebt!
Während James sehr beflissen ist und eher weniger mit der „schmutzigen“ Seite von Edinburgh zu tun hat, ist Nye absolut drin und hat keinerlei Problem damit, James ebenfalls in seine Welt einzuführen – und damit auch mich als Leser.
Nye ist unheimlich sarkastisch, schlagfertig, charmant und intelligent. Seinen Dialogen zu folgen, war ein so wunderbares und witziges Erlebnis. Mein Freund musste sich des Öfteren Passagen anhören, weil ich Tränen gelacht habe. Gerade im Zusammenspiel mit James wirken diese Unterhaltungen wundervoll, da bei James die Naivität noch viel deutlicher zum Vorschein kommt.
Dabei ist der Schreibstil natürlich der Zeit angepasst. 1828 sind die jungen Studenten nicht mit „Yolo“ über den Campus gezogen (und ja, ich weiß, Yolo ist schon wieder veraltet!), aber James und Nye leben dieses Wort einfach. Der Lesefluss wird hin und wieder leicht davon abgebremst, weil bestimmte Bezeichnungen etwas „altbacken“ oder eben der Zeit angemessen sind. Nennt es, wie ihr wollt – dem Buch tut es keinen Abbruch und es ist authentisch. Ich bin es schlichtweg nicht gewohnt, da ich wirklich so gut wie nie zu Historischen Romanen greife.
Die Kapitel haben ebenfalls eine angenehme Länge. Weder zu kurz noch zu lang. Lediglich wurde mir stellenweise ein wenig „herumgeeiert“, dafür war das Buch dann „plötzlich“ zu Ende. Gerade beim Abschluss hatte ich doch noch ein paar Fragen, die die Autorin offenlässt. Sehr schade.
Dennoch wurde ich an einigen Stellen auch wirklich überrascht. Bei einigen Situationen war ich einfach nicht darauf vorbereitet, auch wenn ich es mir vielleicht ganz leise denken konnte. Es dann aber wirklich zu lesen – was ich euch nicht verrate, weil es sonst spoilert – hat unerwartet wehgetan. Denn die Charaktere, die dieses Buch tragen, also zumindest einige von ihnen, sind mir sehr ans Herz gewachsen. Weswegen es dann tatsächlich zu kleinen Schockmomenten kam.
Neben den Leichenbeschaffungen sind auch die Unterrichtsstunden sehr interessant. An denen darf ich teilweise als Leser teilnehmen. Wenn man sich also wirklich ein wenig für den menschlichen Körper interessiert, könnte man hier ein paar Informationen abstauben. (Ha, abstauben, weil historisch … na, ihr wisst schon. ;))
Außerdem beinhaltet Wer die Toten stört auch eine Liebesgeschichte, von der ich nicht dachte, dass ich sie brauche. Und nein, es geht nicht nur um dieses Paar. Es kommt zu KEINEN Spice-Szenen, aber es gibt eine Liebesgeschichte. Wunderbar, wirklich süß, herzlich und zeitgleich nicht kitschig. Kurzum: Es gibt ein Pärchen in diesem Buch und das ist toll, dass es das gibt! Ich mochte es sehr und es fühlte sich meiner Meinung nach nicht einen Augenblick so an, als würde es jetzt nur noch darum gehen. In der heutigen Zeit, bei den vielen Büchern, fast schon eine Seltenheit!
Ich konnte bei dem Buch öfter lachen, als ich dachte, und hatte schlichtweg eine schöne Zeit. Gerade das Setting in Edinburgh ist unheimlich passend für den Herbst und so habe ich es mir mit meiner Decke, vielen Kissen und Kerzen sehr gemütlich gemacht. Absolute Leseempfehlung für den Herbst. Etwas morbide, etwas süß und ganz bestimmt witzig!
Mein abschließendes Fazit
Wer immer einen Riesenbogen um Historische Romane macht und dieses Genre aber vielleicht doch mal von seiner Bingo-Karte abstreichen möchte: Wer die Toten stört ist das perfekte Buch dafür!
Gerade jetzt im Herbst ist das Buch genau passend. Ich begleite Protagonist James durch die dunklen, verregneten Straßen von Edinburgh und schließe dabei auch noch Freundschaft mit Menschen, die vielleicht nicht alles so ganz genau nehmen. Es entsteht eine Freundschaft, die sehr viel Loyalität und noch mehr Humor zutage fördert.
Autorin A. Rae Dunlap hat mich absolut begeistern können und ich bin bei Weitem kein Mensch, der gerne Historische Romane liest. Aber dieses Buch überzeugt eben durch den Humor und dadurch, dass man ihm die Historie zwar schon zuordnet, aber nicht das Gefühl hat, einen kompletten Geschichtskurs absolvieren zu müssen!
Tolle Dialoge, tolle Charaktere und eine sehr interessante Thematik!
Zum ersten Mal, seit ich mich erinnern konnte, war mein Geist vollkommen mit sich im Reinen. Eine unsichtbare Last war von meinen Schultern genommen worden, denn ich war endlich völlig frei von den Dogmen meiner Vergangenheit. S. 299
Bildquelle: Bastei Lübbe
Autor: A. Rae Dunlap
Seiten: 415
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: 28.11.2025
Kostenpunkt: 18€
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Genre: Historischer Roman