Anathema von Keri Lake [Dark Fantasy]

Aus der Dunkelheit hatte sich eine giftige Bestie erhoben und ohne Furcht zugeschlagen. S. 157
!Achtung!
Anathema ist ein Dark Fantasy Buch und beinhaltet Trigger! Diese sollten auf jeden Fall ernst genommen werden! Stell bitte dich und deine geistige Gesundheit dabei in den Vordergrund! Dieses Buch solltest du erst ab 18 lesen!
Inhaltsangabe
Jede Berührung von ihm ist ein Spiel mit dem Tod
Niemand kehrt lebend aus den Eating Woods zurück. Ein Schicksalsschlag zwingt Maevyth Bronwick das tödliche Labyrinth zu betreten. Niemals hätte sie damit gerechnet, dort ihm zu begegnen: Zevander Rydainn, dem gefürchtetsten Assassinen des gesamten Kontinents – kalt, gnadenlos und berüchtigt als The Scorpion. Er würde Maeve lieber den Kreaturen des Waldes überlassen, als ihr zu helfen. Doch nur gemeinsam haben sie eine Chance zu überleben, selbst wenn das Feuer zwischen ihnen gefährlicher ist als alles, was im dunklen Wald lauert …
Eigene Meinung
Auf der Suche nach einem Buch, das mich einerseits in eine fremde Welt entführt und andererseits ein bisschen aus meiner Comfort Zone lockt, habe ich zu Anathema gegriffen. Und holy moly… das war ein Erlebnis der anderen Art…
Autorin Keri Lake gibt mir die Möglichkeit, Anathema aus der Ich-Perspektive von Protagonistin Maevyth sowie aus der Erzählperspektive von Zevander zu erleben. Anfangs war der Wechsel zwischen den Perspektiven etwas ungewohnt, was dem Buch aber keinerlei Abbruch tat. Der Schreibstil von Keri Lake ist… uff, schwer zu beschreiben. Nicht, weil er schlecht ist, sondern weil ich ihn als so außerordentlich gut empfunden habe. Problemlos schafft sie es, in den richtigen Augenblicken genau den passenden Ton zu treffen.
Vor allem die Ortsbeschreibungen sind so bildhaft geschrieben, dass ich dauerhaft einen Film im Kopf hatte. Ich konnte jede Szene vor meinem inneren Auge sehen – und das leider auch, wenn es um wirklich grausame, gruselige Horrorszenen ging. Denn ja, das ist ebenfalls etwas, das mir besonders von Anathema im Gedächtnis geblieben ist: der Horror. Es ist keine seichte Romantasy-Geschichte! Es ist gruselig, blutrünstig und unglaublich bildhaft – und dabei so unfassbar gut.
Ich traue mich nur selten an High Fantasy heran. Zu groß ist die Sorge, die Hierarchien, die Magiesysteme, die vielen Völker und alles, was es sonst noch zu beachten gibt, nicht zu verstehen. In Anathema? Kein Problem. Keri Lake hat mit einem zehnseitigen Glossar, einer Weltkarte und natürlich Triggerwarnungen vorgesorgt. Tatsächlich lief es aber gar nicht so ab, dass ich ständig im Glossar blättern musste. Meiner Meinung nach hat die Autorin dafür eine richtig gute Lösung gefunden: Sie lässt Protagonistin Maevyth genauso “unwissend” in diese Welt eintauchen wie mich als Leser. Dadurch wurden mir Glyphen, Stämme, Völker, Zauber und Hintergründe Stück für Stück nähergebracht. Nicht ausufernd, sondern kurz, verständlich und genau dann, wenn ich die Informationen brauchte – ohne mich mit Wissen zuzuschütten.
Zwischen all den gruseligen Horrorszenen gab es aber auch viele Momente zum Lachen und zum Weinen. Eine emotionale Achterbahnfahrt, getragen nicht nur von den Protagonisten Maevyth und Zevander, sondern auch von den Nebencharakteren. Meiner Meinung nach bedient Anathema außerdem den Found-Family-Trope und genau das hat mir zwischen all dem Bösen in der Geschichte immer wieder kleine Momente zum Durchatmen geschenkt. Gerade die Verbindung zwischen Maevyth und Rykaia, der Schwester von Zevander, oder auch zu Aleysia hat mich sehr berührt.
Bleiben wir doch gleich bei den Charakteren beziehungsweise vor allem bei den beiden Protagonisten: Maevyth und Zevander. Beide funktionieren für mich absolut grandios. Denn sie entwickeln sich Stück für Stück aus den Rollen heraus, die ihnen seit ihrer Geburt auferlegt wurden. Gerade bei Maevyth geschieht das nicht im Sinne einer plötzlich übermächtigen Heldin. Jeder Fortschritt, den sie sich erkämpft, fühlte sich auch für mich als Leser unheimlich gut an. Und obwohl sie durch die Eating Woods in eine völlig andere Welt geworfen wird, verliert sie ihr eigentliches Ziel nie aus den Augen. Gleichzeitig wiederholt sich dieser Gedanke nie auf eine anstrengende Art und Weise. Stattdessen wird sowohl Maevyth als auch dem Leser immer wieder bewusst gemacht, dass sie lernen muss.
Zevander hingegen ist deutlich schwieriger zu durchschauen. Erst nach und nach setzen sich die Puzzleteile zusammen und ich habe verstanden, weshalb er nach außen so kalt wirkt. Er versucht, viele Baustellen gleichzeitig zu bewältigen – und das am liebsten im Alleingang. Ich bin nämlich der Meinung, dass der gute Herr ein ziemliches Problem damit hat, Kontrolle zu verlieren. Zumal er sie über sich selbst jederzeit wahren muss. Auch im Umgang mit Maevyth ist er vorsichtig und gleichzeitig sichtlich verwirrt. Genau das wurde für mich in seinen Kapiteln unglaublich authentisch transportiert.
Die Beziehung zwischen Zevander und Maevyth nimmt auch erst in den letzten Kapiteln wirklich Fahrt auf. Also wirklich Slow Burn. Gerade das mochte ich unglaublich gern. Sie fallen eben nicht sofort übereinander her, sondern zeigen ihre Unsicherheiten, lassen Nähe langsam entstehen und teilen ihre Verletzlichkeit miteinander. Das fühlte sich für mich deutlich intimer an als so manche Dark-Romance-Spice-Szene.
Vielleicht ist Anathema genau deshalb nicht einfach nur ein süßes Romantasy-Buch. Es geht nicht bloß um zwei Menschen, die sich irgendwie anziehend finden und sich gleichzeitig absolut nicht ausstehen können. Es geht um zwei Menschen, die für ihre Welt beziehungsweise ihre Familien kämpfen und bei all dem schlichtweg kaum Zeit haben, überhaupt an eine Beziehung zu denken. Der Fokus liegt für mich deshalb nicht auf der Liebesgeschichte, sondern auf dem Weltenaufbau, den Wesen und den vielen Handlungssträngen, die am Ende zu einem großen Ganzen zusammenlaufen.
Doch worum geht es eigentlich?
In Anathema begleiten wir Maevyth, die langsam aber sicher an ihrer geistigen Gesundheit zu zweifeln beginnt. Die Vorwürfe der Dorfbewohner seit ihrem unerklärlichen Erscheinen scheinen sich immer mehr zu bewahrheiten. Als schließlich alles eskaliert, ergreift Maevyth die einzige Chance, die sie noch sieht: Sie flüchtet gemeinsam mit ihrer Schwester – der einzigen Familie, die ihr geblieben ist. Doch die Eating Woods sind hungrig…
Ich tauchte also in eine Geschichte ein, die in zwei Welten spielt. Erzählt wird sie aus der Sicht einer Sterblichen, der eröffnet wird, dass sie die Letzte eines längst vergangenen Volkes sein soll, und aus der Sicht eines Lunasiers, der zu einem Leben mit einem Fluch verdammt ist.
Tatsächlich muss ich aber auch ehrlich sagen, dass ich kaum auf die Geschichte von Anathema eingehen kann und möchte. Der Grund dafür ist ganz einfach: Ich saß beim Lesen mehr als einmal mit Gänsehaut da oder dachte mir nur: “Bitte nicht!” Genau diese Momente möchte ich euch nicht vorwegnehmen.
Mein abschließendes Fazit
Zwei Welten und eine Gefahr. Anathema kombiniert Horror und Fantasy auf eine Weise, die mich vollkommen begeistert hat. Mit seiner bildhaften Sprache, den wundervollen Charakteren und den Eigenheiten seiner Welten hat sich dieses Buch einen festen Platz in meinem Herzen gesichert.
Als High-Fantasy-Neuling hätte ich nie gedacht, dass mich dieses Genre so sehr ab der ersten Seite fesseln könnte. Umso mehr freue ich mich auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen mit Zevander, Maevyth, Aleysia, Rykaia und all den anderen. Notizen für Band 2 habe ich mir jedenfalls schon gemacht… denn im NOVEMBER erscheint endlich die Fortsetzung. (Zum Glück bin ich geduldig. Nicht!)
“[…]Was war schließlich eine einzige Sterbliche, wenn das Leben von Millionen auf dem Spiel stand?” S. 699
Bildquelle: LYX